Die Bundesregierung diskutiert aktuell darüber, die telefonische Krankschreibung wieder abzuschaffen. Begründet wird dies vor allem mit gestiegenen Krankenzahlen und dem Verdacht auf Missbrauch. Doch ein genauerer Blick zeigt: Diese Debatte greift zu kurz – und droht, bestehende Probleme im Gesundheitssystem weiter zu verschärfen.
Kein Beleg für massenhaften Missbrauch
Die Entwicklung der Krankenzahlen seit Einführung der telefonischen Krankschreibung lässt nicht den Schluss zu, dass diese Möglichkeit massenhaft missbraucht wird. Steigende Arbeitsunfähigkeitstage haben diverse Ursachen: eine alternde Gesellschaft, mehr psychische Erkrankungen, Nachholeffekte nach der Pandemie und eine insgesamt höhere Sensibilisierung für Gesundheit. Die telefonische Krankschreibung pauschal für diese Entwicklung verantwortlich zu machen, ist daher weder evidenzbasiert noch zielführend.
Überfüllte Arztpraxen – ein reales Problem
Gleichzeitig ist die Lage in vielen Arztpraxen angespannt. Praxen sind überfüllt, Termine kaum verfügbar, teilweise werden neue Patientinnen und Patienten gar nicht mehr aufgenommen. Die telefonische Krankschreibung hat hier in den letzten Jahren eine wichtige Entlastungsfunktion übernommen – insbesondere bei leichten Erkrankungen. Eine Abschaffung würde dazu führen, dass mehr Menschen allein für eine formale Bescheinigung persönlich in die Praxis kommen müssen und damit sowohl die Gefahr der Ansteckungen erhöht wird, aber auch die Praxen zusätzliche Aufwände hätten.
Missbrauch gezielt prüfen – statt alle unter Generalverdacht zu stellen
Gleichzeitig ist klar: Wo Systeme missbraucht werden, muss der Staat reagieren. Doch statt bewährte Instrumente für alle abzuschaffen, braucht es bessere, gezielte und vor allem schnellere Werkzeuge, um begründeten Verdacht auf Missbrauch zu überprüfen.
Langfristig entscheidend: Gesundheitskompetenz stärken
Langfristig müssen wir uns stärker mit der Frage beschäftigen, wie wir Gesundheitskompetenzen verbessern – also die Fähigkeit von Menschen, ihre eigene Gesundheit realistisch einzuschätzen, Verantwortung zu übernehmen und präventiv zu handeln.
Die telefonische Krankschreibung ist kein Kernproblem des deutschen Gesundheitssystems – sondern Teil einer pragmatischen Lösung für überlastete Strukturen.
